Sprachentwicklung und haptische Wahrnehmung

(Ch. Kiese-Himmel)
Verschiedene Querschnitts-Studien haben einen Zusammenhang von eingeschränkten somatosensorischen (taktil-kinästhetischen) Wahrnehmungsleistungen mit Sprachentwicklungsstörungen im Kindesalter aufgezeigt, insbesondere mit einer umschriebenen Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache.
Dies war Anlass zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bedeutung dieser Sinnesmodalität für die Sprech-/Sprachentwicklung: Taktil-Kinästhetik als funktionale Grundlage von Sprechen und Sprache.
Das somatosensorische (taktil-kinästhetische System ist in der ontogenetischen Entwicklung das frühst funktionierende und zugleich das ausgedehnteste Sinnessytem; in ersten Lebensjahren des Kindes überwiegen senso-motorischer Erfahrungserwerb und Handlungsvollzug.
Da die Sprech-/Sprachentwicklung ein gleichermaßen komplexes Phänomen wie die somatosensorische (taktil-kinästhetische Wahrnehmung) ist, erscheint eine thematische Einengung nötig. Keiner wird bezweifeln, daß die Bewegungsempfindung (Kinästhesie) für die Artikulation von Sprechlauten von Bedeutung ist. Ihre Untersuchung im Säuglingsalter ist allerdings schwerlich möglich. Die Mundhöhle des Menschen hat nicht nur eine motorische Funktion für Kauen, Schlucken und Sprechen, sondern ist auch ein Wahrnehmungsorgan. Sie übernimmt Tast- und Erkennungsaufgaben. Stereognose bezeichnet die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung bzw. Unterscheidung dreidimensionaler Objekte, wobei die Zungenspitze und der Alveolarrand einen großen Arbeitspart übernehmen. Im Säuglingsalter sind sie experimentell schwer zugänglich.
Thematisch wird aus der somatosensorischen (taktil-kinästhetischen) Sinnesmodalität der Tastsinn (sense of touch) herausgelöst – die sensorische Eingangsvoraussetzung, um Berührungsreize wahrzunehmen. Seine Rezeptoren befinden sich in der Haut, vor allem in den Lippen, Fingerspitzen und Fußsohlen, so daß die Wahrnehmung der mit den Händen/Fingern erfahrenen Reize ein experimentell gut zugängliches Verhaltensmodul darstellt (Haptik).
Aus dem Phänomen „Sprech-/Sprachentwicklung“ wird auf den lexikalischen Aspekt - die Wortschatzentwicklung - fokussiert, die ontogenetisch vom Erwerb der Objektwörter dominiert ist.
Somit gilt es, Haptik und Objektwortschatz-Entwicklung unter Berücksichtigung des entwicklungspsychologischen Wissens in ein Modell zusammenzubringen, um den primären Spracherwerb als Fortsetzung des Handelns mit anderen Mitteln erklären zu können.
Das Kapitel „Sprachentwicklung und haptische Wahrnehmung“ (von Christiane Kiese-Himmel) entwickelt und gestaltet diesen Gedanken unter Rückgriff auf ausgesuchte psychologische Theorien.
[S. 109-124]
Eine Übersicht zum Arbeitsfeld Somatosensorik (Taktil-Kinästhetik) der Göttinger Autorin ist auf der entsprechenden Homepage zu erhalten:
http://www.mi.med.uni-goettingen.de/Phonpaed/defkiese.html

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