Taktil-haptische Wahrnehmungsstörungen bei Anorexia nervosa
Dr. Martin Grunwald*, Prof. Dr. med. H.-J. Gertz*, Prof. Dr. med. C. Ettrich+
Ausgehend von der Annahme, dass sich Veränderungen des Körperschemas bei Anorexia-Patienten auch in elementar perzeptiv-kognitiven Anforderungen zeigen sollten, wählten wir als Untersuchungsparadigma haptische Anforderungen. Im Gegensatz zur taktilen Reizverarbeitung (passiv) ist die haptische Reizverarbeitung (aktiv) mit einem erheblichen Umfang an multisensorischen Integrationsleistungen verbunden. Entsprechende sensorische Integrationsleistungen erfordern u. a. ein adäquates processing des rechten Parietallappens. Folgende Hypothese wurden überprüft:
H: Im Vergleich zu gesunden Kontrollen zeigen anorektische Patienten zu Beginn der Therapie als auch nach stabiler Gewichtszunahme (Kontrolluntersuchung 1 Monat nach Entlassung) ein deutliches Defizit während haptischer Reizverarbeitung.
Im Rahmen der Untersuchung (1995-1998) wurden 22 Anorexia-Patientinnen (age: 16;20) mit einem selbst entwickelten haptischen Testmaterial untersucht (Kontrollen n=24, mean age 16;0).
Bisher konnten 11 Patientinnen nach Entlassung und stabilem Körpergewicht wiederholt untersucht werden. Während der haptischen Testanforderungen und während einer Ruhephase wurde von allen Probanden ein 19kanaliges EEG abgeleitet (gegen verbundene Ohrreferenz) und spektrale EEG-Parameter analysiert (Ergebnisse hierzu siehe zweiter Abschnitt).
Der Vergleich zwischen Kontroll- und Patientengruppe (t0-Vergleich) bestätigte die Hypothese, dass Anoexia-Patienten ein deutliches Verarbeitungsdefizit für haptische Reize aufzeigen. Es kann angenommen werden, dass hierfür multisensorische Integrationsstörungen - auf kortikaler Ebene - verantwortlich sind. Eine Beziehung zwischen den Testleistungen und dem allgemeinen perzeptiv-kognitiven Niveau (IQ) konnte nicht festgestellt werden.
Der Vergleich der Patientengruppe vor und nach der Therapie bzw. nach sig. Gewichtszunahme (t0-t1-Vergleich) zeigte, dass das beobachtete Defizit auch nach Gewichtszunahme zu beobachten ist. Aufgrund der geringen Stichprobe kann mit entsprechender Vorsicht davon ausgegangen werden, dass die beobachteten Defizite im Bereich der multisensorischen Integration bei AN-Patienten unabhängig von der Gewichtszunahme auftreten. Im Kontext neuropsychologischer Studien zum parietalen Kortex kann vermutet werden, dass diese Defizite infolge einer funktionellen Störung des rechten Parietallappens auftreten. Diese Interpretation wird insbesondere durch die EEG-Daten dieser Untersuchung gestützt.
Die Ergebnisse der Studie sind veröffentlich (s. Veröffentlichungen). Teilergebnisse wurden auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie in Jena (30 Sep.-3. Okt 1998) sowie auf der Tagung der Biologischen Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg (Dezember 1998), Jena (Dezember 1999), Drei Länder Symposium Psychiatrie (Wien 2000) vorgestellt.
Hirnelektrische Aktivitätsänderungen bei Anorexia nervosa
Dr. Martin Grunwald*, Prof. Dr. med. H.-J. Gertz*, Prof. Dr. med. C. Ettrich+
Die gegenwärtigen Befunde (t0-Vergleich) zeigen deutliche Differenzen der spektralen Leistung (Power) zwischen AN-Patienten und gesunden Probanden. AN-Patienten zeigten gegenüber den Kontrollen eine stärkere Desynchronisation (Abfall der spektralen Power) sowohl in der Ruhephase (vor und nach den haptischen Explorationsanforderungen) als auch während der haptischen Anforderungen in allen Frequenzbereichen (Alpha, Alpha1, Alpha2, Beta1, Beta2, Theta). Während der Ruhephase zeigte sich bei AN-Patientinnen ein deutlicher Lateralisierungseffekt mit der Tendenz einer geringeren Power über rechts-frontalen Gebieten und einer höheren Power über parieto-okzipitalen Gebieten. Dieser Befund stützt die Annahme einer rechts-hemispherischen Störung bei AN.
Während haptischer Anforderungen konnte insbesondere im Theta-Band eine Zunahme der spektralen Power über fronto-zentralen Gebieten bei AN beobachtet werden. Zudem deutet eine verstärkte Desynchronisation über rechts-parietalen Gebieten auf ein funktionelles Defizit bei der Verarbeitung haptischer Informationen.
Der t0-t1-Vergleich der EEG-Daten der Patientenpopulation zeigte, dass die hirnelektrischen Verhältnisse auch nach Gewichtszunahme stabil bleiben. Entsprechende Veränderungen konnten nur über wenigen Elektroden und nur auf dem 10% -Niveau beobachtet werden.
In Folgeuntersuchungen soll die Umfang der Stichprobe und das Setting der perzeptiv-kognitiven Anforderungen erweitert werden. Weiterhin werden in die Untersuchung Patientinnen mit Bulimia nervosa und Patientinnen mit Angststörungen einbezogen. Um die beobachteten Effekte bei erwachsenen Anorexia Patienten zu überprüfen erfolgt eine entsprechende Untersuchung (Alter < 18 Jahre).
Die Ergebnisse der Studie sind veröffentlicht (s. Veröffentlichungen). Teilergebnisse wurden auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie in Jena (30 Sep.-3. Okt 1998) sowie auf der Tagung der Biologischen Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg (Dezember 1998), Jena (Dezember 1999), Drei Länder Symposium Psychiatrie (Wien 2000) vorgestellt.
EEG Rohdaten und Beschreibung zu 1 und 2
Beschreibung der EEG-Daten (SPSS-Format (*.sav), f. Win. 6.1.2): Datei: 1.sav (pre-daten von Kontrollen und Anorexia Patienten während der Ruhephase und während der haptischen Exploration) Datei: 2.sav (post-Daten der Anorexia Patienten während der Exploration) Datei: 3.sav (post-Daten der Anorexia Patienten während der Ruhephase) Variablenbeschreibung (gilt für alle Daten): knr (Kanalnummer) 1=Fp1, 2=Fp2, 3=F3, 4=F4, 5=C3, 6=C4, 7=P3, 8=P4, 9=O1, 10=O2, 11=F7, 12=F8, 13=T3, 14=T4, 15=T5,16=T6, 17=Fz, 18=Cz, 19=Pz. Parametervariablen in den Frequenzbereichen (Theta: 4-8 Hz, Alpha: 8-13 Hz, Alpha1: 8-10 Hz, Alpha2: 10-13 Hz, Beta1: 13-18 Hz, Beta2: 18-24 Hz) stets als absolute Power in mikroVolt (nicht mikroVolt ins Quadrat). Erläuterungen im Paper. bla1 = Power im Alpha1 bla = Power im Alpha gesamt bla2 = Power im Alpha2 blb1 = Power im Beta1 blb2 = Power im Beta2 blth = Power im Theta
[r] = Ruhephase
[f] = haptische Explorationsphase
[z] = z-transformierte Werte über alle Phasen, pro Kanal und separat für jede Person
[a] = Parametersatz gilt nur für Anorexia Patienten
* Universität Leipzig Klinik für Psychiatrie EEG-Forschungslabor Emilienstraße 14, 04107 Leipzig Tel.: 0341 97 24 502 Fax: 0341 97 24509 e-mail.: mgrun@medizin.uni-leipzig.de
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